AW: Stierkampf in Portugal - was sagt ihr dazu?
Hallo,
so schnell wie hier die Antworten kommen und so ausführlich und interessant wie Kais Ausführung war, so schwer ist es auf alles einzugehen worauf ich eingehen wollen würde...
In Kurzform daher:
Die jungianische, tiefenpsychologische Interpretation des Ritualersatzes kann stimmen oder auch nicht; da bin ich schlichtweg nicht Fachmann genug um eine Meinung zu haben, denn nur mit Logik betrachtet könnte es auch anders sein; die Psyche ist komplex, zumal die von ganzen Völkern.
Stichwort: Genau, wie erwähnt, gewinnen leider so gut wie immer die völkischen, emotionalen Argumente und die Differenzierung bleibt auf der Strecke; damit muss man sich wohl abfinden.
Nächstes Stichwort: Portugiesen und Spanier sind Tierquäler (mit gefiel übrigens sehr das Wort Tierquällerei, da ich Quallen immer schon faszinierend fand

. Goethe würde sagen: Getretner Quark wird breit, nicht stark. (hat er wirklich gesagt): Erstens sind Portugiesen und Spanier grundverschieden; zweitens Spanier innerhalb auch nochmal grundverschieden. Man sollte sich mal überlegen, warum die meisten Straßenhunde Halsbänder tragen und warum so oft vor Geschäften Trink- und Futternäpfe stehen. Wo werfen Menschen gewohnheitsmäßig mit Steinen nach Hunden und wo nicht? Sehr ernsthaft möchte ich hier ausdrücken, dass noch ein langer, langer Weg zum idealen Tierschutz zu gehen ist, den ich auch befürworte; aber ebenso möchte ich hier meinen Widerwillen diesen platten, aggressiven Gemeinplätzen gegenüber zum Ausdruck bringen. Ein Wal- oder Delphinmassaker wie es Japan, Island, Dänemark, Norwegen routiniert abwickeln wäre in Portugal undenkbar; und zwar schon seit dem 19ten Jahrhundert.
Doch zurück zum Stierkampf, stimme ich zu, dass es selbstverständlich Tierquälerei ist (ich bin doch nicht blind!), dass ich diese aber nach Abwägung und Information billigend in Kauf nehme, und zwar genauso bewusst wie ich Fleisch esse und genau weiss was ich da tue.
Jedoch handelt es sich trotzdem beim Stierkampf weder um ein Massaker, noch um ein Blutbad, und der portugiesische Stierkampf ist noch nicht einmal arrogant oder höhnisch dem Stier gegenüber wie Teile des spanischen. Die Faszination eines portugiesischen Stierkampfes liegt zum einen in der Kraft der Symbole (Kai, du bist evangelisch, denn Katholiken verspeisen kein Symbol und trinken auch reales Blut), dieses jedoch in einer hochzivilisierten, ritualisierten, manierierten, sublimierten Form; anders gesagt: Wenn ich tumb, sadistisch und roh wäre, dann wäre Stierkampf das letzte was mir gefiele. Es handelt sich beim Stierkampf um eine Stufe weiter; meiner Meinung nach:
Ich mag z.B. Fleisch, weil ich den Geschmack mag, ok.
Aber mir tun die Tiere leid; trotzdem möchte ich den Geschmack. Daher gehe ich in den Supermarkt, wo schön abstrakt kleine, saubere Fleischteilchen abgepackt liegen, die mir nicht mehr zeigen, woher sie kommen und was sie sind. Das ist für mich persönlich pervers. Wenn ich Fleisch mag, dann muss ich auch dazu stehen können und damit umgehen können, dass ich ein Lebewesen, das fühlt, das denkt, das lebt, getötet habe. Und daher erwarte ich auch, in diesem Fall von mir selbst, dass ich einem Tier in die Augen sehen kann, das ich anschließend töte um es zu essen. Das ist nicht schön, aber die Alternative ist, dass ich kein Fleisch mehr esse. Ich bin absolut gegen Verlogenheit, gegen Verbrämtheit, für Bewusstsein und Verantwortung. Und wenn ich nicht töten lassen kann, dann sollte ich auch kein Fleisch essen. Nun, dieses erzähle ich warum? Weil meiner Meinung nach der Stierkampf damit zu tun hat, denn er ist ehrlich. Wie vorher gesagt wurde sind wir eben auch Raubtiere, und wir töten und wir sehen dass nicht nur als notwendigen Unfall, sondern es gibt da tiefer unten sogar noch ein Aufflackern von etwas was wir uns nicht eingestehen wollen, jedoch alle wissen. Und dieses was da tiefer glüht anzuerkennen ist der nächste Schritt, nachdem ich dem Tier in die Augen geschaut habe, und dann nicht nur anzuerkennen und hirnlos auszuleben wie plündernde Vandalen oder der Autonomenblock einer deutschen Demo, sondern in Ästhetik zu sublimieren ohne die tiefen Wurzeln zu verraten, dieses ist für mich einmalig und großartig, und auch Stierkampf. Ich schreibe dieses für die, die mich verstehen möchten und können; die anderen haben ja schon ihre Meinung.
Viele Grüße,
Dirk