AW: Stierkampf in Portugal - was sagt ihr dazu?
Hallo Rainer (ich nehme mal an, Du heißt so ...),
Kai, du fragst dich, warum nicht alle empört sind, und es sogar Stierkampffans gibt und der Staat dies erlaubt.
versteh mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, meine Empörung ob der mangelnden Empörung auszudrücken. Ich habe da kein persönliches moralisches Problem. Und ich finde auch, dass die Erklärung, weil der Stier ein so stolzes Tier ist, deshalb sind manche nicht empört, wenn er er gequält wird, nicht schlüssig ist.
Es ist doch so, dass oftmals diejenigen - und ich rede hier meinetwegen auch und gerade von Ausländern - aber es gibt natürlich auch Einheimische, die das betrifft - hell empört sind, wenn Delphine abgeschlachtet werden, wenn Turnierpferde gedopt werden, wenn Hunde in Portugal an der Kette gehalten werden usw.
Nur beim Stierkampf finden sie nichts Schlimmes dabei, sondern sind im Gegenteil Anhänger.
Erstmal sind die meisten Portugiesen keine Anhänger des Stierkampfs. Frag doch mal auf der Strasse in Lissabon oder Porto jemand nach drei Namen von Stierkämpfern oder Forcados. Die wird dir höchst wahrscheinlich niemand nennen können.
das ist unerheblich für mich, weil es mir nicht darum geht,
den Portugiesen irgendeinen fiesen Charakerzug nachzuweisen. Fakt ist: Stierkampf ist in bestimmten Ländern wie Portugal, Spanien, Frankreich (?) staatlich erlaubt und wird soviel besucht, dass sich das Business auch zu lohnen scheint.
Richtig gelebt wird der Stierkampf nur im Ribatejo und Alentejo - und auch da nicht überall. Aber er ist (noch) ein wichtiger Teil der Identität. So wie für einen europäischen Durchschnittsbürger das Wahlrecht. Viele wählen nicht mal, aber niemand würde auf dieses Recht verzichten wollen.
abgesehen davon, dass ich das beides nicht in einen in eins setzenden Vergleich ziehen würde - ja, der Stierkampf ist anscheinend Teil der Identität. Und er scheint aber auch solche Menschen über die Maßen zu packen, deren Teil ihrer Identität er nicht sein kann - weil sie nicht von dort sind. Ein Beispiel:
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- und es gibt etliche andere, etwa das
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und hier
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. Vielleicjt willst Du mir jetzt erklären, dass das ein folkloristisch-touristisches Interesse ist ... ich denke das aber weitgehend nicht.
Wir hatten im anderen Portugalforum mal vor Jahren einen ganz ähnlichen Thread, in dem ich auch ähnliche Argumente geäußert hatte. Ein weiblicher Stierkampffan gab in diesem Zusammenhang sehr mutig zu, dass der Stierkampf durchaus eine erotisierende Atmosphäre und Ausstrahlung auf sie hat.
Und das ist denke ich der Punkt.
Deshalb ist es unerheblich, ob man Tiere quält, die "dumme Hühner" sind und die stolzen Stiere ... ja, die quält man ja auch. Bei den dummen Hühner ist der öffentliche Aufschrei immer groß, bei den Stieren - naja, da regen sich eben die fanatischen Tierschützer auf.
Ich denke, dass eben vom Stierkampf eine gewalttätig-erotische Faszination ausgeht. Die allerwenigsten würden sich und schon gar nicht anderen sowas eingestehen, aber wenn man sich beispielsweise mal die "Stierkampf-Oper" Carmen anschaut, dann bekommt man eine Ahnung, was ich meine. Da brodelt etwas, was auf uns sehr anziehend sein kann. Um zu verstehen, warum man eine bestimmte Tierquälerei anziehend findet (und andere abstoßend) muss man sich meines Erachtens mit dieser Faszination befassen.
Wenn ich Soldaten in ein anderes Land schicke, stecken dahinter meines Erachtens komplett andere Motivationen, und ob man darüber empört ist oder nicht, hat andere Ursachen.
Mit dem Stierkampf ist das das Gleiche. Die Mehrzahl der Portugiesen meint, dass dies zur eigenen Kultur gehört.
ist das nicht ein Widerspruch zu Deinem ersten Statement?
Kai