Wirtschaft ist kompliziert, viel zu kompliziert für uns. Wirtschaft ist wie Wetter, ein nicht deterministischer Regelkreis. Kurzfristig funktionieren die Modelle ganz gut. Langfristig (nach heutigem Stand der Wissenschaft sogar nie) kann man Eingriffe in den Wirtschaftskreislauf jedoch nicht vorhersehen. Also weder die schlauen Volkswirte, Zentralbanker oder Wirtschaftsminister noch wir. Das wird sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern. Wirtschaft ist wie das Wetter ein chaotisches System. Viele werden von dem berühmten Schmetterlingseffekt gehört haben.
Ökonomen steuern daher auf Sicht. Sie verändern einen oder wenige Parameter um kleine Werte. Beispielsweise Zinsen rauf um 0,25 %. Dann warten Sie ab. Je nachdem was passiert, wird neu entschieden und nachgeschärft. Würden Sie übertriebene Maßnahmen ergreifen oder viele Parameter gleichzeitig verändern, wäre die Gefahr sehr groß, den sich selbst regulierenden Regelkreis in einen chaotischen Zustand (oder zumindest in eine chaotische Phase) zu bringen. Würde unsere Zentralbank die Zinsen schlagartig um 5 % oder 10 % erhöhen, dann bräche bei uns mit großer Wahrscheinlichkeit die Wirtschaft zusammen. Ob und wie weit die Selbstregulierung (Selbstheilung) solche plötzlichen Änderungen verkraftet, kann man nicht prognostizieren.
Leider berücksichtigt unsere Regierung diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht genügend. Der Flügelschlag des Schmetterlings im Amazonas, der (ein bekanntes Prinzip der mathematischen Chaostheorie) über Raum und Zeit extreme Effekte erzeugen kann (Hurrikane in den USA), entspricht in der ökonomischen Theorie einem kleinteiligen Detailparameter. Greift man politisch kleinteilig ein, bspw. mit Subventionen, können die Auswirkungen weit über das hinausreichen, was man erreichen wollte.
Wer das intuitiv nur schwer nachvollziehen kann, der kann ja mal nachdenken, was die Ausgabe von knapp 2 Milliarden € für den Tankrabatt angesichts des Iran-Kriegs alles nach sich ziehen kann. Das Geld ist jetzt weg. Man könnte damit andere Dinge nicht tun, die vielleicht wichtiger gewesen wären. Auch zeitlich trifft es nicht nur uns heute für ein paar Wochen, sondern auch zukünftige Generationen. Hätte man die 2 Milliarden in die Sanierung von Schulgebäuden gesteckt oder meinetwegen Brücken oder Schienen saniert, dann wäre das Geld zwar auch weg, aber unsere Kinder könnten besser unterrichtet werden und später zügig über eine stabile Brücke fahren oder mit der Bahn pünktlich am Zielort ankommen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wäre ein wenig attraktiver, was vielleicht die eine oder andere Standort-Entscheidung zugunsten von Deutschland kippen würde.
Das ist alles Spekulation. Es zeigt aber, dass kleinteiliges Steuern unserer Wirtschaft nicht die Lösung sein kann. Sie mag kurzfristigen Interessen dienen. Sicher freut sich jeder, wenn er 10 € beim Tanken spart, aber wüsste er, was man mit diesen zehn Euro hochgerechnet auf unsere Bevölkerung hätte machen können, dann wäre bei den meisten die Freude eher relativ.
Ein (nicht kleinteiliges, makroökonomisches) Ziel muss sein, die Kaufkraft der gesamten Bevölkerung zu steigern. Den Wohlstand des gesamten Landes. Das gilt nun auch für Portugal. Gibt man heute zehn Euro und nimmt sie einem später über höhere Steuern wieder weg, dann war es lediglich eine fast immer ungerechte Umverteilung. Der Autofahrer wird belohnt, der Busfahrer zahlt die Zeche. Das kann niemals eine sinnvolle Maßnahme sein. 2 Milliarden Steuerentlastung für alle würde zumindest den Busfahrer nicht schlechter stellen.
Manchmal muss die Politik jedoch kleinteilig eingreifen, um kurzfristige Verwerfungen auszugleichen. Wenn nun viele Pendler plötzlich in die Armut rutschen, weil der Benzinpreis zu teuer ist, dann könnte man diese gezielt unterstützen. Das sehe ich bei uns aber nicht. In Portugal kann ich das nicht beurteilen, habe aber von solchen Grenzfällen nichts mitbekommen.
Im Übrigen gibt es für die CO2-Steuerung ebenfalls ein effizientes und funktionierendes System: CO2-Zertifikate und den Zertifikatehandel. Das ist eine makroökonomische Größenordnung, die bei der Steuerung unseres CO2-Ausstoßes hervorragende
Arbeit leistet. Wie, wo, wer, was, wann an CO2 spart, ist jedem selbst überlassen. Das Kleinteilige können Regionen, Unternehmen und Haushalte selbst regeln. Sie haben die besten Ideen. Ihnen fallen funktionierende Lösungen ein. Das eigentliche Ziel, die Reduzierung des CO2-Ausstoßes, wird erreicht, ohne dass man auch nur eine einzige Klein-Klein-Vorschrift erlassen muss.