„Adoptiert“ von einer Grossfamilie
Die Mutter meiner Nachbarin Sofia hat neun Geschwister. Die Älteste ist 88, der Jüngste 68. Alle haben sie Kinder, Enkel und teilweise auch schon Urenkel. Wenn die Familie sich trifft, kommen gut und gerne an die hundert Personen zusammen. Schön ist, dass sie sich alle gut verstehen und einen liebevollen Umgang miteinander pflegen. Familienfeste sind üblich und finden mehrmals pro Jahr statt. In einer grossen Scheune hat es ausreichend Tische, Stühle, Geschirr, Pfannen und Töpfe, und dort finden dann jeweils die Feste statt.
Durch Sofia bin ich mit dieser Familie bekannt geworden und sie haben mich, die Fremde, sofort akzeptiert und in ihre Grossfamilie aufgenommen. Ob es sich nun um eine Hochzeit, eine Taufe oder einfach um ein gemütliches Beisammensein handelt, ich bin immer mit eingeladen und gehöre einfach dazu.
Ich weiss nicht, an wie vielen Scheunenfesten ich schon teilgenommen habe, und ich hatte immer viel Spass dabei. Nachbarin Sofia ist die gute Seele, glänzende Organisatorin und unermüdliche Helferin all dieser Feste. Der Startschuss wird jeweils am Donnerstag gegeben, dann finden sich ein paar Helferinnen und Helfer (es sind immer die gleichen) in der Scheune ein und machen sich daran, diese zu putzen. Am Freitag wird das Schwein geschlachtet, das besorgen die Männer, während die Frauen Tische und Stühle aufstellen und das seit dem letzten Fest in einer ausgedienten Tiefkühltruhe staubfrei aufbewahrte Geschirr nochmals spülen. Dann gibt es in der Scheune ein Abendessen für alle Helferinnen und Helfer, in der Regel ist das dieser in Schweineblut gekochte Reis mit Innereien, eine sehr traditionelle Speise, die mir aber so gar nicht schmecken will. Ich kriege dafür jeweils die Leber, wunderbar mit viel Zwiebeln und Salbei gebraten.
Schon früh am Samstag findet sich der Helfertrupp wieder in der Scheune ein. Die Frauen kochen, schmecken ab, rüsten riesige Mengen Salat, schneiden Brot und decken die Tische, während die Männer draussen am Grill stehen, das Fleisch braten, dazu ein Bierchen geniessen und ausgiebig tratschen. Nach zwölf Uhr treffen dann so nach und nach die Gäste ein und jeder bringt etwas mit. Die Männer sind beladen mit Korbflaschen voll Wein und Bagaço, die Frauen balancieren vorsichtig ihre Kuchenplatten oder Dessertschüsseln und deponieren alles in einer ausgedienten Kühlvitrine. Unglaublich, was da alles an Leckereien zusammenkommt, Kuchen jeder Grösse, Form und Geschmacksrichtung, Puddings, Süssspeisen auf der Basis von viel Kondensmilch mit Gelatine, riesige Schüsseln voll Fruchtsalat und knallbunte Früchtegelees.
Bald sitzen alle an den Tischen und löffeln zufrieden ihre Hühnersuppe. Dann werden Fleisch, Pommes-Chips und Salat aufgefahren und schliesslich stürzen sich alle, die zahlreichen Kinder natürlich zuerst, auf das Dessertbuffet. Wenn alle satt sind, sitzt man beisammen und plaudert, Männer und Frauen, wie das offenbar in Portugal üblich ist, getrennt. Die Kinder toben durch die Scheune und spielen wilde Spiele, die Jugendlichen versammeln sich an einem Tisch und spielen Karten, während sich die Frauen daran machen, die Tische abzuräumen und das Geschirr zu spülen. Nachdem die
Arbeit getan ist, ziehe ich mich dann jeweils für ein Stündchen oder zwei zurück und fahre nach Hause, um mit meinem Hund einen langen Spaziergang zu machen, und nicht selten schliesst sich die eine oder andere der Frauen an und begleitet uns. Gegen Abend fahren dann diejenigen, die Tiere halten, nach Hause, um diese zu versorgen, aber spätestens um acht trifft man sich wieder und das Fest geht weiter. Nach dem Abendessen nimmt einer der jüngeren Generation seine Handharmonika und spielt, und dann wird das Tanzbein geschwungen. Dabei tanzen oft Frauen mit Frauen, da die Männer eher tanzfaul sind. Bis weit in die Nacht hinein dauert das Fest.
Und wenn ihr denkt, damit sei nun fertig gefeiert, so habt ihr euch arg getäuscht. Am Sonntag geht es dann im gleichen Stil weiter, allerdings beginnen dann irgendwann nach dem Abendessen die fleissigen Helferinnen, die Stühle zu stapeln und die Tische zusammenzuklappen, damit auch die Unermüdlichsten merken, dass das Fest nun langsam, aber sicher zu Ende geht.