Hallo Ellen,
ich denke, dass das eine undialektische Betrachtungsweise ist. Immer wenn man versucht, die Sache nur von einem Ende her zu denken, dann gerät man in diese Falle. Man kann das durch eine einfache Frage sehr schön illustrieren: "Warum gibt es diese gewalthaltigen Spiele"? Wenn man es sich einfach machen möchte, sagt man: "Weil man damit Geld verdienen kann." Ich würde dann weiter fragen: "Warum wird sowas denn gekauft"? Und dann stecken wir mitten im Schlamassel und den Artikel hätte man sich zu drei Vierteln sparen können.
Wenn ich immer nur eine einfache kausale Logik anwende und einer offenkundigen Ursache eine offenkundige Wirkung zuschreibe, dann verdränge ich dabei, dass es solche einfachen motivationslosen Zusammenhänge nicht gibt. Und ich verdränge vor allem dass es ein dynamisches und dialektisches konfliktgeladenes Verhältnis gibt, in dem die Ursachen und damit auch die Wirkungen entstehen. Und diese verdränge ich auch.
Gewaltverhältnisse und Gewaltkonflikte gibt es in unseren Gesellschaften und in unserer Sozialisation sehr früh. Bereits das Abstillen (die Vertreibung aus dem Paradies) ist kein idyllischer Vorgang. Die Kontrolle über den Körper und seine Ausscheidungen ist viel mit inneren und auch äußeren Kolonisierungen verbunden. Durch Druck von außen lernt man den Druck von innen zu beherrschen. Und so geht es weiter. Früher im Manchesterkapitalismus oder heute in China müssen die Kinder sich beherrschen lernen, um arbeiten zu können. Man lernt ansonsten auch schnell, dass der Zugang zu den Produktionsmitteln und auch zur Nahrung nicht unbegrenzt oder gar nicht vorhanden ist. Um zu überleben, muss dann gelegentlich Gewalt angewendet werden.
Was ich damit sagen will: Die Gewalt steckt in der Gesellschaft drin und wird meist recht mühsam kanalisiert und gebändigt. Dass das mühsam ist, sieht man an den Situationen, wo es schief geht, also etwa im dritten Reich, in Afrika als die Hutu eine Millionen Tutsi in 100 Tagen abgeschlachtet haben oder auch im Straßenverkehr. Sich einzubilden, dass friedliche Wesen allein durch Training und die entsprechende Konditionierung zu mordenden Gewalttätern werden, ist für mich so albern, wie etwas nur sein kann. Ich sehe in den Spielen zunächst eine Auseinandersetzung mit der ständig präsenten Gewaltfrage. Ich sehe es so, dass diese Spiele und ihre Darstellungen eben Ausdruck der Umgangs- und Sichtweise der Gewalt in der Gesellschaft sind.
Kultur, und dazu rechne ich die Spiele, hat sich immer und zu jeder Zeit mit den Problemen, Risiken und Gefahren der Gesellschaft beschäftigt - und zwar auf verschiedene Weisen. Manchmal affirmativ-magisch, wenn durch ein Bild das Jagdglück beschworen werden sollte oder auch kritisch, wenn Musiker versucht haben, gegen Atomwaffen zu singen. Kultur ist eben der Versuch der Gesellschaft, sich ein Bild von sich zu machen - und ich denke, dass in unsrer Gesellschaft eine intensive und grundlegende Diskussion der Gewaltfrage ansteht, was man durch die gewalthaltigen Spiele sehen kann, die da produziert werden.
Leute wie Pfeiffer (der in den Medien gerne krasser dargestellt wird, als er ist) versuchen mit ihrer Kritik im Grunde diese notwendige Diskussion mit Hinweis auf bürgerliche Bildungsideale zu unterbinden. Ich denke, dass das dem Ziel dient, einen Status quo bei dem Gewaltverhältnissen aufrecht zu erhalten. Die Motivation bei vielen, die das versuchen ist die, dass ihnen die aktuellen Gewaltverhältnisse mehr nutzen, als andere das täten.
Kai