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Stadtspaziergänge in Lissabon: die dritte Tour

Article in 'Stadtspaziergänge in Lissabon' contributed by kailew, 10 November 2014. Current view count: 2031.


Lissabon-Spaziergang 3
Stationen:
  • Anjos
  • Penha de França
  • Praça Paiva Couceiro
  • Friedhof Alto de S. João
Von der Metrostation Anjos (Grüne Linie) gehen wir ein Stück die Avenida Almirante Reis hinauf, deren Bedeutung als wichtige Handelsarterie, ungeachtet der beeindruckenden Bauten beiderseits der Straße, darunter linker Hand direkt nach dem Metroausgang der Sitz der Bank von Portugal, heutzutage von deutlichem Niedergang geprägt ist.​
Wir biegen nach wenigen Hundert Metern nach rechts ab und steigen die Rua Marques da Silva im oberen Bereich sehr steil und in Serpentinen zur Penha de França hinauf. Mit 110m ü. NN ist dies der höchste Punkt des bebauten Stadtgebiets, die weithin alles überragende Kirche wurde um 1600 erstmals erbaut und nach dem Erdbeben 1755 weitgehend neu errichtet. Von hier hat man einen weiten Blick über die Umgebung, insbesondere über die nördlichen und östlichen Stadtteile, über den Alto de S. João, wohin uns die Tour als nächstes führen wird, über das Tejoufer und den weiten Fluss.​
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Hinabgestiegen ist man dann schnell auf der anderen Seite, am Hallenbad und dem Bezirksrathaus (Junta de Freguesia) rechts vorbei die Travessa do Calado hinab, rechts und gleich wieder links zur Praça Paiva Couceiro. Diesen Platz schräg nach rechts überquerend sehen wir vor uns auf der linken Seite der Rua Morais Soares, die die Praça do Chile mit dem Alto de S. João verbindet, die ockerfarbene Friedhofsmauer mit dem westlichen Eingangstor des Cemitério do Alto de S. João.​
Leider ist dieses Tor derzeit und bis auf weiteres geschlossen, das Betreten des Friedhofs ist also nur etwa 250m der Straße folgend über den Haupteingang möglich. Wichtig sind die Öffnungszeiten: 9h - 17h von Oktober bis April, 9h - 18h von Mai bis September; Einlass bis jeweils eine halbe Stunde vorher.​
Dieser Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnete Friedhof ist der größte Lissabons und bietet einen interessanten Überblick über wichtige Bereiche der Entwicklung der Gesellschaft Portugals (Namen, ideologische Inhalte der Grabinschriften, Baustile der Grabmäler und Monumente) und, im eigentlichen Wortsinne, über die östlichen Stadtteile und den Tejo, der sich nordöstlich der Stadt zum weiten Mar da Palha ("Strohmeer") öffnet, dessen Farbe bei diesigemWetter die Bezeichnung erklären mag.​
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Ungeachtet der Betrachtung besonderer Denkmäler oder Grabstätten, wie sie weiter unten angedeutet werden, vermittelt ein Spaziergang über den Friedhof einige Erkenntnisse über den Umgang der Portugiesen mit ihren Toten, der Beziehung zum Tod an sich. Allgemein fällt der beachtliche Anteil der über der Erde situierten Gräber auf; in Mauern eingelassene Grabstätten mit ihren mit Schlüsseln zu öffnenden kleinen Türen sind ein augenfälliges Charakteristikum. Befinden sie sich entsprechend weit oben, sind sie über bereit gestellte Leitern zu erreichen. Die Toten bleiben so wahrhaft "zugänglich", was augenscheinlicher noch für die größeren, betretbaren Grabgruften gilt.​
Durch Glasfenster kann man dort die Särge der verschiedenen verstorbenen Familienmitglieder in übereinander angeordneten Fächern betrachten. Reißt der Strang der Generationen übergreifenden Fürsorge ab, wird die Dekadenz deutlich sichtbar: Die Scheiben sind oft zerbrochen, das Innere der Gruften verstaubt, Bilder und andere Reliquien beschädigt. Wo die Grabpflege noch intakt ist, sind die Gruften oft wahre Heimstätten, die von den Angehörigen besucht werden, um eine Zeitlang gemeinsam mit den Toten zu verbringen. Zur Vervollständigung dieses Bildes sei gesagt, dass das auf diesem Friedhof 1925 eingerichtete Krematorium bis vor wenigen Jahren das einzige Portugals war.​
Im westlichen Bereich zwischen Praça Paiva Couceiro und Parada do Alto de S. João überragt die überdimensionale Soldatenfigur des Denkmals der Liga dos Combatentes das Gelände; ihr nunmehr grauer Sockel wurde Anfang 2006 von seinem üppig grün-orangenen Mantel aus Kapuzinergresse "befreit". Dafür bietet der Blick gen Norden auf die Hochhaussiedlungen von Chelas eine breite Palette von Farben über lila und rosa zu weiß und gelb. Knapp 100m östlich vom Kriegerdenkmal befindet sich das antifaschistische Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers in Tarrafal (Cabo Verde), deren sterbliche Überreste 1978 hierher überführt wurden.​
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Neben eindrucksvollen Grabmälern von Kolonialhelden, Freimaurern, Adligen und Vorkämpfern der 1. Republik finden wir inmitten der gängigen einfachen christlichen Grabstätten auch solche verstorbener moslemischer Einwohner der Stadt mit arabisch und portugiesisch verfassten Inschriften, wie etwa im Winkel zwischen den Straßen 17 und 19, nordwestlich von der Einsegnungshalle. Dazu kommen zeitgeschichtlich interessante Grabstätten oft sehr schlichter Natur, so beispielsweise des 2005 verstorbenen Generals Vasco Gonçalves, der nach der Aprilrevolution charismatischer Regierungschef war und im Talhão dos Combatentes (ein Randstreifen nördlich unterhalb von Soldaten- und Tarrafaldenkmal) unter dem Grabstein Nr.1881 bestattet ist.​
Weitere bedeutende Persönlichkeiten, einige stattlich, andere einfach bestattet, ließen sich auflisten - der Maler Almada Negreiros, die Frauenrechtskämpferin Ana de Castro Osório, die Dichter Ary dos Santos und José Gomes Ferreira, der "Monokelgeneral" (und später Marschall) António de Spínola und viele andere. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wird auf diese Grabstätten nicht besonders hingewiesen, ihre Lokalisierung muss man bei der Verwaltung am Haupteingang erfragen.​
Auf der bei weitem größeren, sich zuweilen steil zum Fluss hinabsenkenden Seite östlich des Haupteingangs eröffnen sich immer wieder erstaunliche und überwältigende Ausblicke unterschiedlicher Perspektiven auf das Tal von Chelas mit seiner Mischung aus Hochhäusern, zerfallenden Wohn- und Fabrikruinen und Resten von Schafsweiden, das gegenüber auf der anderen Talseite in kaum 1 km Luftlinie entfernt gelegene Grüngelände Madre de Deus (nicht mit der gleichnamigen Kirche im selben Stadtbezirk zu verwechseln!), den industriellen Ufervorort Xabregas, den bei Sonne blauen, bei trübem Wetter silbrigen und bei Regen und Sturm wild schwarzen und grauen Tejo, schließlich die andere Seite, bleiern eingetüncht oder, mit den Häusern von Alcochete im Sonnenlicht, weiß gleißend.​
Unsere Tour endet, wenn wir die Bedürfnisse des Sehens und Kennenlernens gestillt haben - je nach physischer Verfassung, Wissensdurst und Wetter kann das von der Metrostation ab nach 1,5 bis gut 2 Stunden der Fall sein.

Kontakt:
Lonha und Susanne
Tel. 21 812 48 58
e-mail: susonha@sapo.pt

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