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Hans-Joachim Böhmer, Geschäftsführer

Article in 'PortugalPorträt' contributed by kailew, 6 November 2013. Current view count: 22588.


PortugalForum: Wie schätzen Sie die Höhe der portugiesischen Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland ein?
Hans-Joachim Böhmer: Das hängt ganz entscheidend davon ab, was man macht und einkauft. Wenn man seine Konsumgewohnheiten 1 zu 1 aus Deutschland überträgt ist vieles hier teurer, teilweise deutlich. Aber es gibt auch vieles, was hier billiger ist, deutlich billiger. Ich trinke gerne Kaffee in Straßencafés, das ist wirklich viel billiger als ich es aus Deutschland kenne, den frischen Fisch, den man auf dem Markt bekommt, der ist auch billiger,… aber manches ist eben auch teuer. Also man kann die Lebenshaltungskosten selber beeinflussen.
PortugalForum: Die Jugendarbeitslosigkeit in Portugal liegt bei 36 Prozent. Die Kammer engagiert sich ja sehr dafür, die Berufsausbildung in Portugal zu verbessern. Dennoch hört man öfter von Deutschen in Portugal, die Ihre Kinder zur Ausbildung in die Heimat schicken. Was sagen Sie dazu?
Hans-Joachim Böhmer: Ja, die Jugendarbeitslosigkeit ist in Portugal so hoch wie in kaum einem anderen Land Europas – mit Ausnahme von Spanien und Griechenland. Eine sehr besorgniserregende Situation. Und auch deswegen ist die portugiesische Regierung sehr daran interessiert, die deutsche duale Berufsausbildung, die die Kammer mit ihrem Bereich DUAL bereits seit 30 Jahren hier durchführt, kräftig auszubauen. Die Kammer bietet deutsche duale Berufsausbildungsgänge in vielen Berufen an, auch in deutscher Sprache, wie im Hotel und Tourismusbereich. Und diese sind sehr erfolgreich, weswegen die Regierung auch auf unsere Mitarbeit beim Ausbau dieses Systems in Portugal großen Wert legt.
Man kann also neben sehr guten universitären Ausbildungen auch eine deutsche duale Berufsausbildung in Portugal absolvieren. Die Gründe für Jugendliche und deren Eltern, die Ausbildung, sei es eine universitäre oder eine andere, in Portugal oder in einem anderen Land zu wählen sind sicherlich vielfältig und wohl in jedem Fall anders. Ich persönlich finde es immer gut, wenn man schon früh, also etwa schon im Studium oder in der Ausbildung andere Länder kennenlernt. Das ist auch einer der Vorteile, die unsere Ausbildungen im Hotel und Touristikbereich bieten: man lernt da schon früh, sich beruflich in einer fremden, anderen Umgebung zu bewähren. Und das ist sicher ein guter Baustein für eine – internationale – Berufslaufbahn.
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PortugalForum: Man hört gelegentlich, dass Portugal aus dem Euro austreten sollte. Was würde dann Ihrer Ansicht nach geschehen?
Hans-Joachim Böhmer: Dazu kann man lange wissenschaftliche Vorträge halten. Und je nach Redner sicher auch mit verschiedenen Ansichten. Die Aussage, dass damit alle Probleme, die in der Krise aufgetaucht sind einfach zu lösen wären, wird man dabei sicher nicht hören, zumindest nicht von anerkannten Fachleuten.
PortugalForum: Sehen Sie Lichtblicke oder ein Ende der Krise, oder muss sich die Bevölkerung auf weitere harte Jahre einstellen?
Hans-Joachim Böhmer: Die Lichtblicke sind eindeutig zu sehen. Das Staatsdefizit geht zurück, Portugal hat kürzlich erfolgreich Anleihen platziert, was als Zeichen für wiedergewonnenes Vertrauen der Finanzmärkte angesehen werden kann. Die Handelsbilanz – über lange Zeiten stark negativ – ist fast wieder ausgeglichen. Die Lohnstückkosten, ein wichtiger Wert für Investitionsentscheidungen, gehen zurück und erhöhen damit die Attraktivität des Standortes Portugal. Und es gibt noch viele weitere Anzeichen, wenn man genau hinsieht.
Dennoch muss man auch sagen, dass die Krise noch nicht ausgestanden ist und dass noch eine ganze Reihe Strukturreformen notwendig sind um das Land wieder in bessere Zeiten zu führen. Die Richtung ist bereits eingeschlagen, der Weg aber noch nicht zu Ende.
PortugalForum: Angenommen, Sie könnten einen Drei-Punkte-Plan aufstellen, um die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Wie würde dieser aussehen?
Hans-Joachim Böhmer: Ob drei Punkte ausreichen ist wohl schwer zu beurteilen, ich würde in einem solchen Plan aber bestimmt folgende Punkte einschließen:
  • Erstens die Exportorientierung der Wirtschaft fördern – und zwar massiv.
  • Dann bürokratische und sonstige administrative Hemmnisse abbauen - und zwar unbeirrt,
  • Und schließlich die guten Seiten und Vorteile des Wirtschaftsstandorts Portugals im In- und Ausland bekanntmachen – und zwar aus voller Überzeugung.
PortugalForum: Was ist ihr größter Wunsch für die Zukunft?
Hans-Joachim Böhmer: Für das Land: dass die jetzige Krise gut genutzt wird, um die Weichen für eine erfolgreiche Politik zu stellen, damit Portugal nach dieser Krise wieder deutlich besser dasteht als jetzt und das Potential, das im Land und seinen Menschen steckt voll genutzt werden kann um damit die wirtschaftliche wie soziale Lage der Menschen deutlich zu verbessern. Es sind aber nicht alleine die Politiker, die dies erreichen können, es ist eine Aufgabe für alle gesellschaftlichen Kräfte, für alle Portugiesen. Sonst wird es schwerlich klappen!
Für mich: gesund und munter zu bleiben in Portugal oder einem Land, das mindestens genauso schön ist.
PortugalForum: Herr Böhmer, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Informationen:
Deutsch-Portugiesische Industrie- und Handelskammer
Avenida da Liberdade 38 – 2º
1269-039 Lissabon
Portugal
Tel.: 00351 21 3211 200
Fax.: 00351 21 3467 150

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